Erwachsenenbildung ohne Barrieren - Selbsterfahrung im Rollstuhl

 „Jedes Stöckchen, das im Weg liegt, kostet Kraft. Von Steigungen ganz zu schweigen.“Neudietendorf, 3. September 2015. „Jedes Stöckchen, das im Weg liegt, kostet Kraft. Von Steigungen ganz zu schweigen.“ Antje Schmidt hat es ausprobiert, wie man sich als Rollstuhlfahrerin fühlt. Zwar nur für wenige Minuten. Aber die Erfahrung, die die pädagogische Leiterin des PARITÄTISCHEN Bildungswerks an diesem Tag macht, ist nachhaltig. „Erwachsenenbildung ohne Barrieren“, heißt der neue Zertifikatskurs, dessen erstes zweitägiges Modul jetzt in der Krügervilla in Neudietendorf über die Bühne ging. „Bevor man über einen Abbau von Barrieren redet, ist es wichtig, für die Barrieren sensibilisiert zu werden“, sagt Antje Schmidt. Deshalb setzten sich alle KursteilnehmerInnen in den Rollstuhl und nahmen auch einen Stock in die Hand, mit dem sie sich – die Augen verbunden und geführt - durch das Haus der PARITÄT in Neudietendorf tasteten. „Die Selbsterfahrung ist wichtig“, unterstreicht auch Christin Bliedung vom PARITÄTISCHEN Bildungswerk und selbst Teilnehmerin des Kurses: „Man lernt, dass man sich auf den anderen verlassen muss“. Und sie fügt hinzu: „Es ist gut, dass wir diese Erfahrungen von zwei Expertinnen in eigener Sache vermittelt bekamen.“

Die Teilnehmenden erlebten so hautnah die Auswirkungen verschiedener Einschränkungen. Ausgehend von diesen Selbsterfahrungen wurden Hilfsmittel und kompensierende Methoden vermittelt und erprobt. Dabei lernten die Teilnehmenden schnell, dass es oft Barrieren gibt, an die Referenten oder Organisatoren ohne körperliche Beeinträchtigungen meist gar nicht denken. Beispielsweise, wenn es um Power-Point-Präsentationen geht. Hier kommt es auf den Referenten an, das, was auf den Charts festgehalten ist, auch für Menschen mit Sehbehinderungen zu erläutern. Und auch der barrierefreie Zugang zu Toiletten ist nicht an allen Veranstaltungsorten gegeben. Eine echte Willkommenskultur für Menschen mit Behinderungen zu entwickeln, ist deshalb das Ziel des Kurses, der unter dem Motto steht „Ein neuer Weg entsteht im Gehen“. Antje Schmidt ist sicher: „Mehr Barrierefreiheit bietet einen Zugewinn für alle. Den Teilnehmenden mit und ohne Beeinträchtigung wird das gemeinsame Lernen erleichtert. Und die Einrichtungen können ihre Zielgruppen erweitern und die Qualität ihrer Bildungsangebote verbessern.“

Wie fühlt man sich als Sehbehinderter oder Blinder? Auch das erlebten die Teilnehmenden des Kurses. Die Teilnehmenden lernen auch praktische Tipps für den Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen. Beispielsweise mit Sehbehinderten und Blinden. Petra Michels erläutert ihnen, dass man eben beim Betreten eines Raumes oder bei der Vorstellung nicht nur „Guten Tag“ sagt, sondern sich auch mit Namen vorstellt. Oder dass man sich abmeldet, wenn man einen Raum verlässt, damit der Sehbehinderte oder Blinde plötzlich nicht ganz allein ist. Oder, dass man erst fragt, ob man helfen kann statt sofort einzugreifen. Es sind diese scheinbaren Alltäglichkeiten, die das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderungen erleichtern. Und so haben die Teilnehmenden in diesem ersten Modul nicht nur hier sondern in vielen Bereichen Möglichkeiten für den Abbau von Barrieren kennengelernt und gleichzeitig ihre Kompetenzen im Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen gestärkt.

Der Zertifikatskurs wird Ende des Monats mit einem zweiten zweitägigen Modul fortgesetzt. Dabei geht es am 29. Und 30. September um ganz praktische Tipps, wie man Veranstaltungen barrierefrei gestalten und bewerben kann. Dozentin ist dann Marion Moser von „capito Graz“, einem Unternehmen, das sich die Vermittlung leichter Sprache auf die Fahne geschrieben hat. Das Leitmotto von „capito“: „Wir wollen, dass in Zukunft alle Menschen sagen können, ich habe verstanden.“ Moser: „Aber noch ist das nicht so. Wichtige Informationen sind oft schwer verständlich. Viele Menschen können schwierige Texte nicht verstehen. Sie können deswegen in unserer Gesellschaft nicht gleichberechtigt leben.“

Der Bedarf an leicht lesbaren und verständlichen Texten ist groß. Moser schätzt, dass etwa 40 Prozent der Bevölkerung Probleme haben, Texte zu verstehen. Dabei kommt es ihr darauf an, zielgruppenorientiert zu arbeiten. Leichte Sprache heißt für Moser aber nicht banale Sprache. Auf diesen Unterschied legt sie Wert. Es gehe nur darum, komplizierte Inhalte für jeden verständlich darzustellen und möglicherweise auch grafisch aufzubereiten. „Am Beginn jedes Seminars muss man sich darüber im Klaren sein, welche Zielgruppe man erreichen will“, sagt sie. Nach ihrer Einschätzung hat sich in den Behörden in Sachen verständlicher Sprache schon einiges bewegt, jetzt sei das Thema auch in der Privatwirtschaft angekommen.

Leichte Sprache kann jeder, ist Moser überzeugt. „Wir können alle lernen“, sagt sie. Und das will sie auch bei dem Seminar in Neudietendorf vermitteln. Bei dem Zertifikatskurs – einer Kooperation von PARITÄTISCHEM Bildungswerk, dem Verein „Barrierefrei in Thüringen“ (bith e.v.) und dem Diakonischen Bildungswerk Johannes Falk – geht es im zweiten Modul genau darum: Wie können Texte einfacher gestaltet werden? Was ist bei der Medienauswahl für ein Seminar zu beachten? Wie können Druckwerke und digitale Dokumente im Internet gestaltet werden?

„Es wird ganz konkrete Hilfestellung für die Praxis geben“, ist sich Antje Schmidt sicher. Und sie hat noch eine gute Nachricht für alle Interessenten: Es sind noch Plätze für das zweite Modul frei.

Artikel von H. Kaczmarek, Profiler Der PARITÄTISCHE Thüringen

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